Welches Weinglas ist das Richtige?

„Und warum nicht die Rotweingläser?“ fragte mich mein Freund, der den Tisch eingedeckt hatte. „Weil der Wein nicht so kräftig und komplex ist und in dem großen Glas nicht richtig zur Geltung kommt.“ war meine Antwort. Er rollte mit den Augen, aber ging zum Schrank und tauschte die Gläser.

Kleiner Guide durch den Gläserdschungel

Es gibt eine riesige Auswahl an Weingläsern, in wirklich allen erdenklichen Größen, Formen und sogar Farben. Speziell für bestimmte Rebsorten, mit Gravur oder ohne, industriell gefertigt oder mundgeblasen. Schmeckt Wein aus dem einen Glas wirklich besser als aus dem anderen? Oder ist das alles nur Ritual und magisches Brimborium für Weinkenner?

Das Glas macht einen Unterschied. Der selbe Wein aus verschiedenen Glastypen und -qualitäten schmeckt anders. Das passende Glas unterstreicht die Komplexität des Weines und verstärkt unsere Wahrnehmung feinster Nuancen.

Wein spricht all unsere Sinne an. Wir genießen also nicht nur Geruch und Geschmack, sondern auch die Ästhetik eines edlen Glases, und ebenso, wie dieses in der Hand liegt. Ob und wie weit jemandem diese kleinen, sehr feinen Unterschiede wichtig sind, darf jeder für sich selbst entscheiden.

Das Glas hat also Einfluss auf unsere Weinwahrnehmung, aber welches kitzelt den Charakter eines Weines am Besten heraus? Die bunte Vielfalt an Weinstilen und die breite Palette an Glastypen zeigt schon: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Glücklicherweise gibt es aber ein paar Punkte, an denen Ihr Euch orientieren könnt.

Das ideale Weinglas

Leider existiert es nicht, DAS einzig perfekte Weinglas. Aber gibt es drei Schlüsselelemente, die ein Glas ideal für Weingenuss machen: Das Glas sollte klar, dünnwandig und nach oben verjüngt sein. Also farblos, ohne Gravuren oder Muster, filigran gearbeitet und nach oben hin schmal zusammen laufend.

Der wichtigste Faktor sind Höhe und Breite des Glases. Der Durchmesser an der breitesten Stelle am Bauch und der der schmaleren Öffnung oben haben im Idealfall ein Größenverhältnis von ca. 3:1.

Im oben schmal zusammen laufenden Kamin konzentrieren sich die Aromen des Weins.

Worauf muss ich achten?

Das beste und teuerste Weinglas kann das komplexe Bouquet des Weines nicht transportieren, wenn es von Eurem Parfum verfälscht oder verdeckt wird. Tragt das Parfum nicht an den Handgelenken auf und fasst das Glas nur am Stil an. Letzteres verhindert außerdem, dass der Wein sich durch die Temperatur Eurer Hand zusätzlich erwärmt und vermeidet unschöne Abdrücke auf dem Kelch.

Ein randvoll gefülltes Glas mag vom Gastgeber gut gemeint sein, macht es aber unmöglich, viel von seinem Duft und seinem Wesen wahrzunehmen.

Die richtige Füllmenge für ein Weinglas liegt bei umgefähr einem Drittel. Das ist im Idealfall an der breitesten Stelle des Bauches, vor dem „Knick“, der das Glas nach oben hin verjüngt.

Das sieht nicht nur schöner aus, sondern so kann sich das Aroma am Besten entfalten. An der breitesten Stelle bietet der Wein die größte Fläche für den Kontakt mit Sauerstoff, durch den sich die Duftmoleküle entwickeln. Außerdem kann man ein volles Glas nicht schwenken. Das Schwenken des Weinglases bewirkt, dass der Wein noch mehr Sauerstoff bekommt und noch mehr Aromen durch den Raum im Glas nach oben aufsteigen.

Kleine Gläserkunde bzw. Welches Glas wofür?

Für die unterschiedlichen Weintypen gibt es jeweils spezielle Glasformen, die die deren Besonderheit und Charakter am Besten zum Ausdruck bringen.

Manche Hersteller gehen sogar so weit, ein Weinglas speziell für bestimmte Rebsorten anzubieten. In diesen Gläsern vereinen sich Meisterschaft der Glasbläserkunst und Wissen um Wein. Die Philosophie dahinter ist, die Glasform so zu gestalten, dass der Wein an der im Mund optimalen sensorischen Stelle auftrifft, um die sortentypischen Merkmale einer Rebsorte im besten Licht erscheinen zu lassen.

Wenn man mal Platzgründe außen vor lässt (mit fehlt in meiner Wohnung schlichtweg der Platz für so viele Gläser), ist die Wichtigkeit, die man dem Ganzen beimisst, wieder eine persönliche Entscheidung.

Hier folgen nun die vier wichtigsten Glastypen, mit denen man eigentlich sehr gut ausgerüstet ist. Sie unterscheiden sich je nach Hersteller und Linie in der Form, der wichtigste Unterschied zueinander ist aber die Volumengröße.

Weißwein-Glas

Weißweingläser

Weißweingläser sind kleiner als für Rotwein, weil sie häufiger leicht und frisch sind und deshalb nicht soviel Sauerstoffkontakt benötigen. Außerdem verhindert die geringere Füllmenge ein Erwärmen des Weines, weil das Glas schneller geleert ist.

Das klassische Weißweinglas ist ideal für leichte bis mittelkräftige Weiße und für Rosés.

Für käftigere Varianten, z.B. fassgereifte Weißweine, eignet sich ein bauchigeres Burgunderglas (Mitte), oder man greift zum nächstgrößeren, dem

Rotwein- bzw. Bordeaux-Glas

Welches Glas zu welchem Wein? Rotweingläser
Rotweingläser

Das klassische Rotweinglas ist höher und bauchiger als das Weißweinglas.

Rotweine sind meist kräftiger als Weiße und Rosés, weshalb sie mehr Sauerstoff benötigen, um Aromen und Charakter zu entfalten.

Generell gilt: Je kräftiger, komplexer und intensiver der Wein ist, desto größer sollte das Glas sein.

Burgunder-Glas

das Burgunder-Glas (Bild Rotweingläser, rechts außen) ist sehr bauchig und eignet sich für kräftige, schwere oder noch zu junge Weine. Es ist bietet die größte Fläche für Sauerstoffkontakt und ist somit ideal für z.B. kraftvolle Amarone, aber auch Weißwein, z.B. fette Chardonnays mit Barrique-Ausbau.

Schaumwein-Glas

Welches Glas zu welchem Wein? Sektgläser
Schaumweingläser

Schaumwein- bzw. Sektgläser sind schlanker und höher als Weingläser. Hier gibt es wohl die größte Bandbreite an Formen und Stilen – angefangen bei den wunderschönen aber ungeeigneten Champagnerschalen der 1920er Jahre. In diesen Schalen verpuffen die prickelnden Kohlensäure-Perlen aufgrund der großen Oberfläche viel zu schnell.

Auch die nach oben hin breiter werdenden Sektflöten sind nicht optimal. Besser ist die klassische Sekttulpe (links), oder die Champagnergläser mit leichtem Knick in der Mitte. In diesen Gläsern sieht man die Perlage schön aufsteigen, die die Aromatik des Weines mit nach oben bringt. Viele Glashersteller versehen ihre Schaumweingläser deshalb mit einem Moussierpunkt, um die Bubbles in feiner Linie hoch schweben zu lassen.

Schaumweingläser füllt man bis zum Knick, bzw. bis zur Hälfte des Glases.

Eins für alles?

Soviele Gläser – und das ist eigentlich nur Basis-Ausstattung? Gibt es nicht vielleicht doch ein All-in-One-Glas?

Die riesige Auswahl an Gläsern kann einen erschlagen, aber man braucht sie gottseidank nicht alle. Tatsächlich gibt es von manchen Firmen bereits Universal-Gläser, die flexibel einsetzbar sind. Das spart auf jeden Fall Platz – und Kopfzerbechen, ob dieses oder jenes Glas die bessere Wahl ist. Allerdings seid Ihr auch mit einem größeren Weißweinglas als Standard schon mal gut ausgerüstet 😉

Römer

Weinglas "Römer"
Weinglas „Römer“

Römer kenne ich nur aus dem Gläserschrank meiner Oma, ich glaube, heute benutzt man sie nicht mehr.

Diese Gläser sind alles andere als ideal: Die Öffnung oben ist viel zu breit, so verlieren sich die Aromen. Da der Kelch sehr kurz ist, ist kaum Platz für die Duftmoleküle, um sich im Glas zu sammeln. Die Gravur mag mit Rotwein durchaus schön zur Geltung kommen, aber sie macht es schwierig, z.B. fehlerhafte Eintrübungen sofort zu erkennen.

Trotzdem, ein einfacher Alltagswein kann auch aus dem Römer Spaß machen, wenn man an diesen Gläsern Freude hat.

Mundgeblasen oder Industrieglas?

Die Qualität des Glases beeinflusst Geruch und Geschmack. Mundgeblasene Gläser sind viel feiner und filigraner und fühlen sich anders an unseren Lippen an. Sie sind leichter und das optische Highlight einer festlich gedeckten Tafel.

Leider sind sie auch wesentlich empfindlicher und oft nicht spülmaschienenfest. Außerdem blutet einem das Herz, wenn mal eines kaputt geht.

Wesentlich robuster, günstiger und spülmaschienengeeignet sind industriell gefertigte Gläser. Auch diese Weingläser gibt es schön geformt und in guten Qualitäten.

Ich habe beides zu Hause, und ich entscheide je nach Situation. Natürlich wähle ich z.B. für Outdoor-Aktivitäten kein mundgeblasenes Glas. Aus Plastikgläsern mag ich meinen Wein aber nicht trinken, deshalb habe ich sogar zum Grillen am Flaucher oder zum Picknick immer echte Gläser mit.

Weinglas Königsplatz München
Abendstimmung Königsplatz

Ausprobieren!

Probiert mal den selben Wein aus unterschiedlichen Gläsern. Ihr werdet merken, dass die sensorische Wahrnehmung eine andere ist. So könnt Ihr selber rausfinden, wie groß Ihr die Unterschiede empfindet, und entscheiden, wie Ihr Euch glasmäßig ausrüsten wollt. Außerdem habt Ihr damit auch gleich ein spannendes Thema, bzw. einen guten Grund für die nächste Weinprobe 😉

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