Baierwein aus PiWi-Sorte

Wir schreiben das Jahr 2021 n. Chr. Ganz Bayern ist vom Bier geprägt. Ganz Bayern? Nein, ein von unbeugsamen Winzern bevölkertes Gebiet hört nicht auf, dem für Weinbau zu rauen Klima Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Baierwein-Winzer, deren Rebflächen in kleinen Orten bei Regensburg liegen…

Baierwein

Baierwein?… Was ist das?

Baierwein ist der Wein, der bereits seit dem Mittelalter in Bayern kultiviert und gekeltert wird. Damit ist nicht der Wein aus Franken gemeint, dem einzigen für Qualitätswein zugelassenen Anbaugebiet, das zu Bayern gehört. Der Baierwein wächst in der Region um Regensburg, war aber im Mittelalter in ganz Altbayern verbreitet. Altbayern umfasst die Gebiete, die zum bayerischen Stammesherzogtum gehörten. Dies sind die heutigen Regierungsbezirke Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz. Daher kommt auch die Schreibweise mit „i“, denn Baiern meint das alte Herzogtum (Altbayern), Bayern den heutigen bayerischen Staat.

Obwohl Regensburg nicht mal ansatzweise in der Nähe Unterfrankens liegt, zählen die ca. fünf Hektar Rebfläche als „Untergebiet Donau“ gesetzlich zum Weinbaugebiet Franken. Bürokratische Logik. Dabei ist der Weinbau in der Region des Regensburger Landwein nachweislich älter als in Franken. Archäologische Funde lassen auf Weinbau bereits zur Römerzeit schließen, schriftlich belegt ist er ab 700 n. Chr. Die ersten Quellen des fränkischen Weinbaus datieren auf 770, wo Weinberge Teil adeliger Gutskomplexe waren und deren Grundversorgung sicherten.

Wie schmeckte der Baierwein?

Leider können wir das Geschmacksbild antiker oder mittelalterlicher Weine nicht rekonstruieren. Allerdings ist klar, dass uns diese Weine heute kaum munden würden. Allein die hygienischen Standards heute bringen nicht nur qualitativ sondern auch geschmacklich eine enorme Verbesserung. So versuchte man, mit fragwürdigen, oft gesundheitsschädlichen Zusätzen Bakterien und Schimmel einzudämmen. Auch das damals übliche Aromatisieren mit Harzen, Kräutern und Gewürzen diente meist dazu, Weinfehler zu überdecken.

Den Ruf des Baierweins prägte ein ganz spezielles Markenzeichen: Seine Säure.
Das Klima in den Weinlagen an der Donau und ihren Nebenflüssen, z.B. Isar und Inn, war für Weinbau viel zu kühl, so dass die Trauben nur in sehr guten Jahren ausreiften. So hieß es, Baiern sei ein „glücklich Land, wo der Essig von selbst wächst“. Der hohe Säuregehalt spiegelte sich in seinen Spitznamen wieder. Was der Monaco Franze als „Sauerampfer“ bezeichnet hätte, wurde damals „Dreimännerwein“ oder „Strumpfwein“ genannt. Man sagte, der Wein sei so sauer, er würde sogar die Löcher in Schuhen und Strümpfen zusammenziehen.

Bei der Weintour München erfährt man mehr über die Rolle des Baierweins in der herzoglichen Hauptstadt. Den Baierwein „live“ erleben kann man auf der Route des Donauradweg, der von Regensburg aus zum Baierweinmuseum in Bach a.d. Donau führt.

PiWis – die robusten Rebsorten

PiWi steht für pilzwiderstandsfähig, und wird als Überbegriff für Rebsorten verwendet, die gegen Pilzbefall resistent sind. Diese Rebsorten sind nicht von Natur aus widerstandsfähig gegen Pilze wie Echten und Falschen Mehltau oder Schwarzfäule, sondern wurden eigens dafür gezüchtet.

Warum züchtet man PiWis?

In den drei Jahrzehnten von 1850 bis 1880 fielen zahllose europäische Weinberge bis dahin unbekannten Schädlingen zum Opfer. Ernteeinbußen von bis zu 90% waren die Folge. Es dauerte Jahre, bis man ein wirksames Gegenmittel gegen Mehltau fand, oder bis man den Parasiten (Reblaus) überhaupt aufspürte. Die Lösung der Probleme fand sich zugleich in der Ursache: Die nordamerikanische Wildrebe.

Exotische Pflanzen, einst Statussymbol des Adels, wurden Mitte des 19. Jahrhunderts auch für das Bürgertum erschwinglich. Kostbare Modepflanzen wurden importiert, und mit ihnen kamen die Rebschädlinge nach Europa. Aus Amerika kommende Rebstöcke waren befallen, aber resistent gegen Mehltau und Reblaus. Anfällig war nur die europäische Spezies vitis vinifera, die massenweise von Pilz und Laus vernichtet wurde.

Die Lösung gegen die Reblaus ist auch heute immer noch die einzig funktionierende, nämlich das Aufpfropfen der vitis vinifera-Sorten auf amerikanische Unterlagsreben. Die Antwort gegen den Mehltau waren Spritzmittel. Gleichzeitig versuchte man aber, durch Kreuzung europäischer mit der amerikanischen Rebe pilzresistente Sorten zu erhalten. Die ersten Hybride entstanden in den 1880er Jahren in Frankreich. Mittlerweile gibt es über 50 Sorten, die bekanntesten sind Regent, Solaris, Cabernet Blanc und Johanniter.

Vorteil der PiWis

Seit den 1990er Jahren sind PiWis in Deutschland zum Anbau zugelassen. Hauptsächlich sind es Winzer, die biologisch oder biodynamisch wirtschaften, die sich an diese neuen Rebsorten wagen. Denn obwohl sie nicht zu 100% pilzresistent sind, sind sie wesentlich umweltfreundlicher in der Pflege als die klassischen Sorten. Konventionelle Winzer müssen mehrmals im Jahr mit Pflanzenschutz-mitteln spritzen. Dies dient der Vorbeugung und ist notwendig, denn wenn der Pilz erst einmal da ist, ist es zu spät. Da die PiWis robuster sind, können enorme Mengen an Spritzmittel eingespart und so die Bodenbelastung verringert werden.

Franz Luttner ist der erste und (bisher) einzige Bio-Winzer im Gebiet des Regensburger Landweins. Er setzt auf PiWi-Sorten, weil die Witterungslage der Oberpfalz trotz Klimawandel immer noch nicht ideal für Weinbau ist. Pilzkrankheiten finden so einen guten Nährboden. Durch den Anbau von PiWi-Sorten wie dem Johanniter muss er auf seine Rebstöcke weniger oft Fungizide ausbringen, außerdem ist die Sorte ein bißchen frosttolerant.

Mal sehen, wie sich die Tradition des Baierweins und moderne, nachhaltige Anbaumethoden im Glas verbinden:

2019 Johanniter, Weingut Luttner, Regensburger Landwein, Deutschland

Er glänzt in klarem, hellem zitronengelb. In der Nase zeigt er frische zitrische und gelbfruchtige / Aprikosen-Noten mittler Intensität. Am Gaumen leicht, schlank und frisch, trocken und mit richtig knackiger Säure – dem Ruf des Baierweins wird er gerecht 😉 . Insgesamt nix Spektakuläres, aber lecker und ein leichter, angenehm frischer Sommergenuss.

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