Der Herr der Rieslinge – Teil III: Die Rückkehr der Jungfer

Eine Wein-Fantasy-Geschichte

Fortsetzung von:

Der Herr der Rieslinge – Teil I: Der Gefährte

Der Herr der Rieslinge – Teil II: Die zwei Talismane

Dieter Schütz/pixelio.deDieterSchütz/pixelio.de

Die Luft wurde mehr und mehr erfüllt von einem rauchigen Geruch. Brauneberger Juffer wurde immer unruhiger. Sie näherten sich dem Ungeheuer. Am Horizont konnte er das Kirchenstück bereits erblicken, das auf einem Roten Hang* lag. Zur Dämmerung hatte er den Steinacker hinter sich gelassen und der Rote Hang lag direkt vor ihm. Dieser war überwuchert mit Alten Reben, durch die er sich würde kämpfen müssen. Brauneberger Juffer war zu groß für dieses Gestrüpp. So schlimm es auch war, sein Pferd zurücklassen zu müssen, so bot ihm das Rebdickicht auch Schutz davor, vom Ungeheuer entdeckt zu werden. Schweren Herzens schlug er ihr letztes gemeinsames Nachtlager auf, holte den Rest der Frühlingsplätzchen hervor und verfütterte sie an Brauneberger Juffer, während er ihm über den Hals strich.

Das Läuten zur Frühmess weckte ihn. Die Kapelle oben am Kirchenstück war verlassen, seit das Ungeheuer dort hauste, aber der Glockenzehnt schlug weiter. Mühsam bewegte er sich durch die dichtbewachsenen Rebzeilen. Er erinnerte sich an das Reischklingen-Messer in seiner Tasche und schnitt und schlug sich damit seinen Weg durch Laub und Rebholz.

Nach geraumer Zeit hörte er ein leises Summen, gefolgt von einem ebenso leisen Wimmern. Er sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Schon wieder, diesmal etwas deutlicher. Er bewegte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam, dann sah er es: Das riesige Netz einer Meerspinne. Er zuckte zurück, denn dieses gefährliche Tier konnte ihm zum Verhängnis werden. Genau besah er das Netz, von der Spinne war keine Spur, aber eine Hungerbiene hatte sich darin verfangen. Sie versuchte verzweifelt, sich aus dem Netz zu befreien und flehte dabei um Hilfe. „Keine Angst!“ rief der Pölicher Held, „Ich helfe Euch.“ Präzise und schnell durchtrennte seine Klinge das Netz, und die Biene war wieder frei.

„Vielen, vielen Dank!“ sagte sie. Ihre Befreiungsversuche hatten sie sehr geschwächt, weshalb der Pölicher Held sie auf seine Schultern setzte und sich weiter durch die Alten Reben kämpfte, bis das Meerspinnen-Netz in sicherer Entfernung lag. Dann erst machten sie Rast. „Ich bin so hungrig“ jammerte die Hungerbiene. Der Pölicher Held gab ihr einen der Kröver Nacktarsch-Lollies, an dem sie gierig leckte.

„Ich möchte mit Euch das Ungeheuer erledigen!“ rief die Hungerbiene eifrig, nachdem der Pölicher Held seine Geschichte beendet hatte. „Vielleicht weiß meine Königin den Lorchspruch zu deuten. Wartet hier auf mich!“ Während er auf die Hungerbiene wartete, bastelte er sich aus Rebholz und Ranken eine Steinschleuder. Bei Einbruch der Dunkelheit landete sie wieder auf seiner Schulter.

„Den Orakelspruch vermochte meine Königin nicht zu entschlüsseln. Aber sie weiß, wie Ihr das Ungeheuer vernichten könnt!“ „Herrlich! Wie?“ „Der Quarzit. Mit diesem müsst Ihr das Ungeheuer zwischen den Augen treffen, und zwar genau um Mitternacht. Mehr weiß ich leider nicht.“ Der Pölicher Held nickte und murmelte: „Das wichtigste ist ohnehin, dieses Biest zu vernichten, vielleicht hat der Rest gar keine Bedeutung.“ Sie schmiedeten einen Plan, wie sie vorgehen wollten.

Sie schlichen den Roten Hang hoch bis zum Kirchenstück. Je weiter sie nach oben kamen, desto fürchterlicher wurde der Gestank und desto dichter der Rauch, der ihnen in den Augen brannte. Der Pölicher Held würde sich hinter der letzten Rebzeile versteckt halten, um Mitternacht hervortreten und das Ungeheuer erledigen. Die Hungerbiene flog los, um herauszufinden, wo das Ungeheuer die Jungfer versteckt hielt. Er holte die Schatulle hervor. Der Quarzit funkelte wunderschön. Die Wehlener Sonnenuhr zeigte fünf nach halb zwölf. Plötzlich bebte die Erde. Das Ungeheuer kam. Es stampfte geradewegs in seine Richtung. Er kauerte sich unter dem Laub zusammen.

Mitternacht rückte immer näher. Er wurde nervös. Endlich kam die Hungerbiene angesurrt. „Sie liegt in der Kapelle, aber sie bewegt sich nicht“ flüsterte sie. „Wann legen wir los?“ Der Pölicher Held sah erneut auf die Wehlener Sonnenuhr. „In drei Minuten.“ Beide atmeten noch einmal tief durch. Während er den Quarzit in seine Steinschleuder legte, flog die Hungerbiene in Richtung Ungeheuer. Sie sollte dessen Aufmerksamkeit auf sich lenken, so dass es dem Pölicher Helden Nahe genug kam, dass dieser ihm den Quarzit genau zwischen die Augen schleudern konnte. Das Mitternachtsschlagen der Uhr war laut zu hören. Da schrie das Ungeheuer auf und rannte geradewegs auf den Pölicher Helden zu. Es war schwierig, genau zu zielen, denn die Erde bebte unter dem Gewicht des Ungeheuers. Er hatte nur einen Schuss und noch acht Sonnenuhrschläge.

Er traf. Das Ungeheuer schrie auf, taumelte mit seinem schweren Körper hin und her und stieß Flammen aus seinen Nüstern. Plötzlich war der Rote Hang in einen Feuerberg verwandelt. Alles rauchte und brannte lichterloh. Die Jungfer! Der Pölicher Held war bereits von den Flammen umzingelt, die sich gierig näher fraßen. Er hörte die Wehlener Sonnenuhr schlagen. „Flüssigkeit!“, durchfuhr es ihn. Er holte die Flasche vom Erdener Prälat hervor. Viel war es nicht, aber er hoffte, sich für einen Augenblick einen schmalen Steig in das Feuermeer löschen zu können, um der Glut mit einem Hasensprung zu entfliehen. Mit seinem Langenstück sabrierte er die Flasche und schüttete den Inhalt ins Feuer. Es zischte, fauchte und brodelte, dann drehte sich alles um ihn. Er vernahm den letzten Schlag der Wehlener Sonnenuhr, dann wurde es still.

Als er wieder zu sich kam lag er auf verbrannter Schwarzerde. Das Feuer war erloschen. „Kommt!“, rief die Hungerbiene, die aufgeregt hin und her schwirrte. Er stand auf und folgte ihr in die Kapelle. Darin lag die Jungfer, leblos und blass, aber wunderschön. Er brachte sie hinaus. Ihr langes, feinperliges Haar glänzte im Mondlicht. „Gebt ihr zu trinken!“, rief die Hungerbiene. Seine Feldflasche war leer. Verzweifelt suchte er nach der Weinflasche, vielleicht war ja noch ein kleiner Rest darin. Rasch war sie gefunden, aber sie enthielt nur noch einen winzigen Tropfen des Weines. Mit diesem benetzte er der Jungfer die trockenen Lippen. Sofort kehrte Farbe in ihr Gesicht zurück und sie erwachte. Sie öffnete ihre schieferblauen Augen, sah ihn an und lächelte. Überrascht besah er die Flasche. Er wischte über das Etikett und las zum ersten Mal die Aufschrift: Schwarzer Herrgott Eiswein. Das war die Deutung des Lorchorakels, und er schmunzelte.

Verliebt machten sie sich auf den Rückweg. Die Hungerbiene wies ihnen den Weg zum Bernkasteler Doctor, um sicher zu gehen, dass die Jungfer unversehrt war. Der befand sie für gesund, verschrieb ihr aber ein Fläschchen Piesporter Goldtröpfchen zur allgemeinen Stärkung, das sie in der Trittenheimer Apotheke abholten.

Als sie auf Schloß Johannisberg ankamen, herrschte überschäumende Freude. Die Hochzeit wurde sieben Tage und sieben Nächte gefeiert, und alle ließen sie in einem vollmundigen Saarburger Rausch mit langem Abgang ausklingen.

* Erklärung der markierten Begriffe: Der Herr der Rieslinge III

Ich bitte um Nachsicht, dass es geografisch gesehen ein ziemliches Durcheinander ist, und bin mir auch im Klaren darüber, dass eine Sonnenuhr nicht Mitternacht schlägt…

2 Kommentare zu „Der Herr der Rieslinge – Teil III: Die Rückkehr der Jungfer“

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