Der Herr der Rieslinge – Teil II: Die zwei Talismane

Eine Wein-Fantasy-Geschichte

Fortsetzung von: Der Herr der Rieslinge – Teil I: Der Gefährte

Dieter Schütz/pixelio.deDieterSchütz/pixelio.de

„Nur die Ruhe!“ sagte die Stimme. „Ich tu dir nichts.“ „Wer seid Ihr?“ fragte der Pölicher Held erneut. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr es wart, der mich den ganzen Abend verfolgt hat?“ „Hm, nicht nur abends. Ich bin der Saarburger Fuchs*, und ich begleite dich, seit du dem Escherndorfer Lump geholfen hast. Es war mein Haus, das der Schnepp kaputt getreten hat. Ich hab deine Geschichte mit angehört, und ich glaube, ich kann dir helfen.“ „Und wie wollt Ihr mir helfen?“ „Ich hatte mal einen Bau im Ürziger Würzgarten und ich glaube, ich weiß, wo du findest was du suchst.“ „Ich nehme Eure Hilfe gerne an. Doch sollten wir nun schlafen.“ „Du schläfst, ich passe auf. Ich bin nämlich nachtaktiv, weißt du. Aber wenn du was zu essen für mich hättest?“ „Lollie oder Plätzchen?“ „Plätzchen.“ Der Pölicher Held gab ihm ein Frühlingsplätzchen und legte sich schlafen.

Früh am Morgen brachen sie auf. Kurz danach zog sich der Saarburger Fuchs zum Schlafen zurück, und sie verabredeten sich zur Dämmerung beim Goldbäumchen. „Lass uns nachts suchen, da finde ich mich besser zurecht“ hatte der Saarburger Fuchs gesagt.

Nach Einbruch der Dunkelheit hatten sie ihr Ziel erreicht. Der Saarburger Fuchs buddelte sich einen Eingang unter dem Zaun und verschwand im Würzgarten.

Lange Zeit später kam er zurück, mit einem kleinen Holzkästchen im Maul. „Hier, ich hab die Stelle gleich wieder gefunden, aber es lag ziemlich tief.“ Der Pölicher Held nahm das Kästchen entgegen. Es war eine Schatulle aus Eitelsbacher Marienholz mit feinster Schnitzerei. Er versuchte sie zu öffnen, aber es gelang ihm nicht, da der Schlüssel für das kleine Schloss fehlte. „Es ist dies wahrlich ein sehr edles Stück. Aber ich suche nach einem Stein, dem Quarzit, welcher sich auch in diesem Garten befinden muss. Hattet Ihr nicht erwähnt, Ihr wüsstet, wo?“ „Er ist da drin, in diesem Kästchen.“ „Wie könnt Ihr Euch sicher sein? Es ist verschlossen!“ „Weil wir Füchse für so was die richtige Spürnase haben. Außerdem singt die Legende davon. Und jetzt nichts wie weg hier, bevor uns jemand bemerkt. Ich hab ziemlich wild gegraben und keinen Böckser, das wieder ordentlich zu machen.“

An der Ayler Kupp trennten sich ihre Wege. Sie verabschiedeten sich, nachdem sich der Pölicher Held nochmal ausgiebig beim Saarburger Fuchs bedankt hatte. „Schon gut, sieh nur zu, dass dieses Ungeheuer endlich verschwindet. Ich wünsch dir gutes Gelingen!“

Der Mandelpfad führte ihn nach Volkach. Sein Ritt ging zügig voran, und der Pölicher Held erfreute sich an Landschaft und Vogelsang. Wo der Volkacher Ratsherr zu finden war, ließ sich im Ort leicht ermitteln, und ihm wurde Zugang gewährt. Der Volkacher Ratsherr saß in einem Kabinett, der Tür den Rücken gekehrt, auf seinem Kaiserstuhl. Der Pölicher Held trat ein, der Stuhl drehte sich, und er blickte in das Antlitz des Escherndorfer Lump. „Ihr?“, entfuhr es ihm. „Das habt Ihr nicht erwartet, oder?“ lachte der Escherndorfer Lump. „Von Zeit zu Zeit reise ich gerne inkognito, was durchaus aufschlussreich und ebenso erheiternd ist. Doch nun zu Euch: Ihr habt mir geholfen. Außerdem wollt Ihr dieses schreckliche Ungeheuer besiegen, so seid Euch meiner Hilfe und Unterstützung stets gewiss!“ „Habt Dank, Volkacher Ratsherr. Ebenso stehe ich Euch jederzeit gerne zu Diensten.“

„Konntet Ihr den Quarzit bergen?“ Der Pölicher Held reichte ihm die Schatulle. Der Volkacher Ratsherr besah sie von allen Seiten. „Fürwahr ein edelsüßes Stück! Konntet Ihr sie öffnen?“ „Leider nein, nicht einmal mein Langenstück vermochte, mir den Inhalt preiszugeben.“ Aus einer Schublade zog der Volkacher Ratsherr etwas Güldenes. „Die Lange Goldkapsel. Die Weinhex hatte sie mir anvertraut.“ Er steckte sie in das Schloss und die Schatulle sprang auf. Beide starrten gebannt in das Kästchen, hatten sie doch nie vorher etwas Prachtvolleres gesehen: Vielschichtig und komplex prickelte der Quarzit in allen Scheurebenbogen-Farben. Im Deckel der Schatulle zeigte eine filigran eingearbeitete Halbkugel aus Kristall die Wehlener Sonnenuhr mit der aktuellen Tageszeit.

Der Volkacher Ratsherr schloss die Schatulle, gab sie dem Pölicher Helden und reichte ihm die Lange Goldkapsel. „Etwas benötigt Ihr noch zum erfolgreichen Abschluss Eurer Mission. Reitet hinunter zum Erdener Prälat, er soll Euch seinen besten Wein aus dem Keller holen. Den wird er nicht freiwillig rausrücken, deshalb grüßt ihn vom Escherndorfer Lump. Als solcher erwischte ich ihn einst mit dem Östricher Lenchen im Rosengarten. Ich habe darüber Stillschweigen bewahrt, und er weiß, dass er mir noch einen Gefallen schuldet.“

Der Pölicher Held ritt zum Erdener Prälat, und es kam so, wie der Volkacher Ratsherr gesagt hatte. Der Prälat händigte ihm widerwillig eine kleine Flasche mit dicker Staubschicht aus, und der Pölicher Held zog von dannen. Viele Gedanken kreisten ihm im Kopf. Er hatte den Quarzit und den Wein, allerdings wusste er nicht, wie er sie im Kampf gegen das Ungeheuer einsetzen konnte.

* Erklärung der markierten Begriffe: Der Herr der Rieslinge II

Ende Teil 2

Der Herr der Rieslinge – Teil III: Die Rückkehr der Jungfer

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